Die neue Ära der Baubranche

Vor über 30 Jahren hat sich bereits abgezeichnet, was heute im Jahr 2050 Realität ist: Wir können unsere Häuser alle fossilfrei betreiben. Dafür erhielt ein anderer und ebenso wichtiger Faktor lange Zeit kaum Beachtung: das Bauen selbst.
Im Jahr 2020 haben Experten berechnet, dass über die ganze Lebensdauer eines Hauses der eigentliche Bau davon mehr Treibhausgase verursacht, als das Beheizen, Kühlen und Beleuchten zusammen. Dabei entstanden die Treibhausgase nicht nur auf der Baustelle, sondern vor allem bei der Gewinnung und Produktion der Baustoffe – wie zum Beispiel von Stahl oder Beton. Die Schweiz benötigte dringend einen Ausweg aus dem ständigen Abreissen und Neubauen. Dieser eröffnete sich 2021: Damals ging der «Nobelpreis für Architektur» erstmals an ein Architekturbüro, das sich darauf spezialisierte, Altbauten nicht abzureissen, sondern zu erhalten und umzubauen. Rückblickend war das der Beginn einer neuen Ära der Architektur- und Baubranche.

Heute im Jahr 2050 entstehen zwar noch immer einige Neubauten. Viel häufiger aber wird die bestehende Bausubstanz weiterverwendet. Lesen Sie selbst, wie sich der Berufsalltag für Architektinnen, Planer und Bauarbeiter inzwischen verändert hat.

 

So wurde die Baubranche bis 2050 klimaverträglich:

Umbauten statt Neubauten

Alle Gebäude der Schweiz zusammen bestanden 2021 aus 1,6 Milliarden Tonnen Material. Das meiste davon steht auch heute noch – 30 Jahre später. Möglich wurde das dank einer neuen Kultur des Umbauens und Reparierens: Statt die alten Gebäude plattzumachen, wurden sie stabilisiert und renoviert. Zum Beispiel wurden alte Fassaden besser gedämmt, leere Fabrikhallen zu lebendigen Siedlungen umgebaut und Gebäude aufgestockt. So konnten all die Treibhausgase vermieden werden, die bei der Herstellung kompletter Neubauten entstanden wären. Der Erhalt von Bausubstanz hat sich als grössten Klimahebel der Baubranche erwiesen.

Das Lego-Prinzip

Die Architektur versteht sich heute im Jahr 2050 als Kreislaufwirtschaft. Um die Bauelemente möglichst lange zu verwenden, werden sie so miteinander verbunden, dass sie sich später wieder gut trennen lassen. Bei einem Rückbau müssen Stahlträger, Fassaden-Paneele oder Heizkörper nicht zerstört, sondern nur demontiert und eingelagert werden. Bis sie an einem neuen Ort wieder zum Einsatz kommen – wie bei Legos. In der Schweiz gibt es inzwischen zahlreiche Lagerhallen mit solchen Bauelementen. Über ein Online-Inventar können Bauunternehmen die gewünschten Teile mit einem Klick erwerben.

Effiziente Konstruktionen

Auch heute im Jahr 2050 werden Gebäude gelegentlich neu gebaut. Doch im Unterschied zu früher setzen die Architektinnen inzwischen auf einfachere Konstruktionen. Diese sind nicht nur klimafreundlicher, sondern auch weniger aufwendig und günstiger. Zum Beispiel bauen wir heute ausschliesslich in der Ebene, um grossflächige Aushübe und materialintensive Fundamente am Hang zu verhindern. Auch die Tragestrukturen sind einfacher geworden: Hinausragende Stockwerke, die viel Baumaterialien benötigen, werden heute beispielsweise nicht mehr gebaut. Mit Massnahmen wie diesen konnte die Schweiz den Energieaufwand für Neubauten immer mehr verringern.

Alternativen zu Zement

Zement, das Bindemittel von Beton, war früher das am meisten genutzte Produkt der Welt. Mit einer katastrophalen Klimabilanz: Im Jahr 2021 war die Zementherstellung in der Schweiz für 9 Prozent unserer CO2-Emissionen verantwortlich. Die Gründe waren die hohen Temperaturen und chemischen Prozesse bei der Herstellung. Zwar ging die Nachfrage nach Beton zunächst zurück, weil auch weniger gebaut wurde. Doch am Grundproblem von Zement änderte das wenig. Umso erleichterter war die Branche, als 2030 endlich zwei echte Alternativen auf den Markt kamen, die beide im Umfeld der ETH entwickelt wurden: Für einfache Bauten stand jetzt ein zementfreier Beton aus tonhaltigem Material zur Verfügung. Und für Bauten, die grösseren Kräften standhalten mussten, gab es sogar einen klimapositiven Beton, der mehr CO2 speichern konnte, als bei der Herstellung entstand.

Verdichtetes Bauen und Wohnen

Zwischen 2021 und 2050 ist die Schweizer Bevölkerung auf über 10 Millionen angestiegen. Um die wachsende Wohnungsnachfrage klimaverträglich zu decken, hiess die Lösung «Verdichtung». Das hatte gleich mehrere Vorteile: Erstens führten gut erschlossene Standorte in der Schweiz zu weniger motorisiertem Verkehr. Zweitens entstanden durch die Verdichtung kompakte und klimafreundliche Bauten. Und drittens konnten so Synergien genutzt werden, indem zum Beispiel die Abwärme eines Supermarktes die Wohnung darüber heizt.

Die Vorteile von
klimafreundlichem
Bauen und Wohnen:

Mehr Schweiz

Statt die alten Gebäude abzureissen, sanieren wir sie seit den 2020ern vermehrt. Dadurch bleibt nicht nur ihre Bausubstanz erhalten, sondern auch ihre Geschichte, ihr Charme und das gesamte Ortsbild.

Mehr Dorfleben

Die Zersiedelung von früher war Gift für das Dorfleben in der Schweiz. Durch eine Siedlungsentwicklung nach innen ist heute im Jahr 2050 mancher Dorfplatz zu neuem Leben erwacht.

Mehr lokale Wertschöpfung

Einheimisches Holz als Baustoff ist heute im Jahr 2050 sehr beliebt. Es bindet nicht nur CO2, sondern benötigt auch nur kurze Transportwege. Die Weiterverarbeitung zu Hauselementen findet häufig in derselben Region statt, wo auch die Bäume gewachsen sind. So bleibt die Wertschöpfung vor Ort und die lokalen Waldbewirtschafter bekommen einen besseren Preis, als wenn das Holz die Region unverarbeitet verlassen würde.

Mehr Werterhaltung

Durch das sorgfältige Sanieren und Renovieren bleibt der Wert von Immobilien heute viel länger erhalten als früher. Und selbst am Ende ihrer Lebensspanne gelten die Gebäude nicht einfach als wertloser Entsorgungsfall, sondern als lukratives Material- und Rohstofflager.

Mehr Gemeinschaft

Im Jahr 2050 verfügen die Wohnsiedlungen über viel mehr Gemeinschaftsräume als noch vor 30 Jahren. Das hat nicht nur die Auslastung und damit die Klimabilanz pro Quadratmeter verbessert, sondern auch die Lebensqualität. Ob Quartierfest, Unterstützung beim Babysitten oder der Austausch zwischen Jung und Alt: Heute wird die Nachbarschaft wieder viel bewusster gelebt.

Verpassen Sie nicht, was die Zukunft noch alles bringt.

Bis wir tatsächlich klimaverträglich bauen und wohnen, dauert es noch. Bleiben Sie in der Zwischenzeit mit unserem Newsletter auf dem Laufenden.